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(Vorgetragen am 23. März 2015 im Literaturkreis „Waschhauslesungen“ in Hamburg von Hadi Resasade)

http://www.waschhauslesungen.de/AktuellesProgramm.html

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Über den Satz

„Terrorismus hat mit dem Islam nichts zu tun“

und das Wörtchen „doch“

 

Seit dem 11. September wird die Diskussion um den islamisch motivierten Terrorismus von  der Diskussion beherrscht, ob diese Gewaltbereitschaft mit dem Islam zu tun hat, oder nicht?

Ich möchte in der Kürze der Zeit diese Feststellung und die Erwiderung weder bestätigen, noch verwerfen, denn beide Behauptungen blenden viele wichtige Aspekte, historische Tatsachen, reale Umstände und grundsätzliche Fragen aus. Befürworter und Gegner der bleiben hartnäckige an der Oberfläche.

Man kann diese  Frage besser behandeln, wenn auch nicht beantworten, wenn  man folgende Gegenfragen stellt und folgende Ereignisse vor die Augen führt, nämlich:

  • die Kreuzzüge und die Brutalität der Kreuzritter,
  • die Eroberungszüge Karl des Großen gegen die Haiden und die Christianisierung Europas mit Schwert,
  • die Eroberung Amerikas und die Niederwerfung der Einheimischen und deren Zwangsbekehrung,
  • die Judenverfolgung, Antisemitismus und Türkenhass, der sogar in den Schriften des Reformators Martin Luther vorkommt,
  • die Inquisition und Hexenverbrennung,
  • die 30- Jährigen Glaubenskriege in Deutschland,
  • die von kolonialer Gewaltherrschaft begleitete Missionierung der Kolonialgebiete bis in das 20. Jahrhundert hinein,
  • die Kriege von Friedrich dem Großen gegen die Haiden,
  • die Versklavung von Milionen von Menschen aus Afrika und deren Transport nach Amerika,
  • die Entfachung zweier Weltkriege in Europa unter Beteiligung von christlichen Machthabern mit Millionen von Toten,
  • die Unterstützung von christlich orientierten Militärdiktaturen und Folterknechten in Lateinamerika nach dem 2. Weltkrieg durch die USA,
  • die Apartheitsregime von weißen Christen und Unterdrückung der Afrikaner,
  • die Unterdrückung der Schwarzen in den USA mit christlicher Ideologie von Kuklus Clan,
  • die Terrorakte der Irisch Republikanischen Armee,
  • das Massaker von Srebrenica,
  • der amerikanische Überfall auf Afghanistan und Irak im Namen eines neuen Kreuzzuges,
  • und die Ermordung von jungen Menschen durch den norwegischen Tempelritter Anders Behring Breivik in im Jahre 2011
  • (Diese Liste lässt sich auf mehrere Seiten erweitern.)

Haben diese Ereignisse etwas mit dem Christentum zu tun?

Meine klare und eindeutige Antwort ist: NEIN!

Religionen sind die biegsamsten Erfindungen der Menschheit und orientieren sich mit einer großen Portion an Opportunismus an  jeweiligen Machtverhältnissen. Sie lassen sich als beste Instrumente missbrauchen, wenn es um ihre eigene Machterhaltung geht. Nicht die Kirche hat die Veränderungen der letzten 200 Jahre in Europa geprägt, sondern wurde selbst durch Aufklärung und Industrialisierung verändert und reformiert. Dass heute Homosexuelle in der Kirche eine gewisse „Anerkennung“ finden, ging nicht von ihr, sondern von den Erfordernissen des Zeitgeistes aus. Auch wenn Christen im Dialog mit Muslimen sich mit „Menschenrechten“ schmücken, so muss festgestellt werden, dass diese ihnen aufgezwungen wurde, ohne selbst dafür gekämpft zu haben. In einem katholischen Lexikon der 50er Jahre kann man vergeblich nach „Menschenrechten“ und „Gleichberechtigung von Geschlechtern“ suchen.

So geht es auch in  allen oben genannten historischen Beispielen  um reale politische und ökonomische Machtkämpfe und Interessen, um Ausgrenzung und Ablehnung eines Gegners, um Expansionswillen, Geländegewinne, Lebensraum, um Gewinnung von billigen Rohstoffen, und mit einem Wort um „real gesellschaftliche Ursachen.“ Das eigentliche Christentum mit seiner Nächstenliebe und Toleranz wurde stets für diese Zwecke instrumentalisiert. „Du sollst nicht töten!“ wurde suspendiert, wenn irdische Machtinteressen der Kirche es erforderten. Das gleiche Schicksal erlitt auch der Islam. Aus dem Koran kann man grausamsten Bestrafungen von Gegnern genauso ableiten, wie Gnade, Menschenliebe und Toleranz. Der Koran ist im Laufe von 23 Jahren entstanden, während die Evangelien sich auf eine kurze Zeit (6 Monate bis drei Jahre) des Wirkens von Jesus beziehen. Mohammad wollte nach 13 Jahren Isolation in Mekka (dort predigte er friedlich nach dem Beispiel von Jesus) in Medina einen Staat gründen. Dafür kämpfte er gewaltsam, und hier sind auch die kriegerischen Verse des Koran entstande. Mohammad ist weder mit Jesus, noch Moses vergleichbar. Mann kann ihn mit „Karl dem Große“ und „Friedrich dem Großen“ („toleranter Krieger“) vergleichen.

Große europäische Denker von Feuerbach über Karl Marx, Durkheim, Max Weber und Rosa Luxemburg bis Hanna Arendt und Jürgen Habermas diskutierten und analysierten in geistreichen und tiefgreifenden Studien die realen und historisch entwickelten Ursachen der Gewalt und Herrschaft, über die materielle Basis und kulturellen Überbau und machten unsere Augen auf, dass nicht irgendwelche abstrakten Ideen und Vorstellung den Gang der Gewalt und Expansion bestimmen, sondern in letzter Instanz das irdische Elend diese Vorstellung prägt und steuert. Diese Erkenntnis wird auch heute von liberalen, bürgerlichen, westlichen Wissenschaftlern, Historikern und Ökonomen geteilt. Der letztes Jahr verstorbene Hans Ulrich Wehler war gerade ein bürgerlicher Historiker, der in seinen Schriften dafür kämpfte, die realen Konstellationen von historischen Ereignissen in der Analyse zu berücksichtigen.

Ich habe immer eine Scheu, die Missetaten von Muslimen, Juden und Christen historisch miteinander zu vergleichen und auf beiden Seiten die Toten und Opfer von religiös motivierten Gewalttaten gegeneinander aufzurechnen. Auf alte Wunden soll man nicht Salz streuen, sagt man im Persischen. Vielmehr sollen alte Wunden endlich im  Sinne eines friedlichen Zusammenlebens geheilt werden. Was soll man aber tun, wenn immer wieder neue Wunden entstehen? Was tut der christliche Westen dafür keine neuen Wunden entstehen zu lassen?

Ich gehe wieder zurück zu meinem kurzen Spaziergang in der Geschichte:

Wie viel Leid und Gewalt haben die europäisch-amerikanische Expansionisten und Kolonialisten seit den Kreuzzügen auf die Menschheit, auf die eigne Bevölkerung und auch auf fremde unschuldige Völker gebracht? Der Westen ist seit der Entdeckung Amerikas ununterbrochen dabei, zu Expandieren. Der Westen hat gesiegt, will aber nicht aufhören zu siegen.

Die Muslime haben nach der 2. gescheiterten Belagerung Wiens im Jahre 1683 keine wesentlichen Expansionsversuche über ihre Grenzen hinaus unternommen. Zeiten von Gewalt und Krieg sind in der islamischen Geschichte eine Ausnahme, friedliches Zusammenleben mit Andersdenkenden aber die Regel. Es war das Osmanische Reich, das die Juden vor dem Angriff der europäischen Christen nach der Rückeroberung Spaniens (Reconquista) eine neue Heimat gewährte. Die Türken waren im 18. Jahrhundert dann in Kriege verwickelt, in denen sie von europäischen Mächten als Verbündete wie ein Spielball missbraucht wurden.

Es ist seltsam zu wissen, dass während des ersten Weltkrieges durch Initiative des der deutschen Regierung in Berlin ein „Dhihad-Büro“ errichtet wurde, um das mit Deutschland verbündete Osmanische Reich dazu zu motivieren, gegen England den Heiligen Krieg (Djihad) auszurufen

Wenn der Islam als Religion ständig Gewalt produziert, dann stellt sich die Frage, warum es in den von Briten und Franzosen beherrschten islamischen Kolonien von Nordafrika bis Indien es damals, also unter der Kolonialherrschaft, zu keinem wesentlichen bewaffneten Widerstand kam? Der Mahdi-Aufstand  von 1881 bis 1899 währende Rebellion gegen die angloägyptische Herrschaft in  Sudan blieb eine Ausnahme. Wenn es also im Koran heißt: „Tötet die Ungläubigen, wo Ihr sie findet“, dann fragt sich, warum dieser Befehl nicht dort eine Geltung fand, wo die Kolonialherren in unmittelbarer direkter Nachbarschaft der Muslime als Eindringlinge lebten? Warum kam es nach der schrecklichen Niederlage der Araber gegen Israel im 6-Tage-Krieg zu keinem islamisch motivierten Terroranschlag? Vielmehr war die marxistische Organisation Volksfront zur Befreiung Palästinas, geführt von dem Christen George Habash die erste palästinensische Organisation, die in den 70er Jahren mit Terror und Flugzeugentführungen begann. Auch die PLO von Jasser Arafat war eine laizistisch-säkulare Organisation. Von Islamisten und Djihadisten gab es damals weit und breit kein Zeichen.

Die Frage, ob der islamische Terrorismus mit dem Islam zu tun hat, oder nicht, muss eine Reihe von unbequemen Vorfragen beantworten. Meine Antwort ist: Dieser Terrorismus hat mit einer besonderen Konstellation unserer Zeit zu tun. Zu diesen Konstellationen tragen Muslime, Juden und Christen gemeinsam bei.

Es sind:

  • Die USA-Politik mit ihrer aggressiven Strategie der Weltherrschaft (G. W. Bush sprach nach dem 11. September von einen neuen Kreuzzug)
  • die ungelöste Palästina Frage und der kontraproduktive und provokative Siedlungskolonilaismus  Israels,
  • die massive militärische Unterstützung von archaischen arabischen Regimen wie Saudi-Arabien (im Durchschnitt werden jede Woche nach Freitagsgebet 7 Menschen geköpft, ohne dass der Westen dagegen protestiert),
  • die Doppelmoral des Westens in Sachen Menschenrechte,
  • der Verlust an Glaubwürdigkeit und Vertrauen bei westlichen Staaten (von NSA bis Folterpraktiken in Abu Ghuraib und Guantanamo),
  • das Versagen von nationalistischen, sozialistischen und prowestlichen Regimen in der islamischen Welt und die Suche nach einer eigenen islamischen Identität,
  • die Ausweglosigkeit von Gesellschaften und Individuen, die als Globalisierungverlierer dastehen,
  • die Suche nach Anerkennung, Identität und Größe in terroristischen Kreisen, die dem „kleinen“ Mann „Wärme und Geborgenheit“ geben,
  • die Armut und das Elend dieser Länder u.a. bilden eine Konstellation, eine Verkettung von unglücklichen Umständen, die Gewaltbereitschaft produziert.

 

Terrorismus hat drei Säulen:

Ohnmacht, Wut und Gewaltbereitschaft

Ohnmacht und Wut stecken in vielen Muslimen, wenn man die zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit und Doppelmoral sieht. Muslime werden bewusst im Namen der Pressefreiheit durch vorurteilsvolle und falsche Berichte und durch Mohammad-Karikaturen provoziert, und man nimmt billigend in Kauf, dass bei Demonstrationen von fanatischen Muslimen z.B. in Pakistan und anderswo Menschen getötet werden. Ist es auch mit der Meinungsfreiheit vereinbar, wenn man z.B. Karikaturen über KZ-Häftlinge in Ausschwitz veröffentlicht, die Holocaustopfer wie Behinderte, Homosexuelle und Roma und Sintis als Witzfiguren darstellt? Jedes Volk hat seine unantastbaren Heiligen, die man respektieren soll.

Die Presse- und Meinungsfreiheit ist einst als Waffe der Unterdrückten gegen die politische Herrschaft entstanden. Heute wird diese Freiheit bewusst von gewaltigen Medien gegen Menschen eingesetzt, die nicht mit der gleichen medialen Macht sich verteidigen können. Wo bleibt das Recht auf eine gleichgewichtige Gegendarstellung? Die eine Seite verfügt über Millionenauflagen, und die andere Seite kann als kleiner Blogger etwas schreiben und gleich in eine Flut von gegensätzlichen Informationen untergehen.

Der Westen verfügt über gewaltige Meinungsmanipulationsapparate  und die Definitionshoheit über Begriffe wie Verbrechen, Gewalt und Terror. Während der sowjetischen Besatzung Afghanistans wurden die fanatischen mittelalterlichen Modjahedin vom Westen unterstützt und als „Befreiungskämpfer“ bezeichnet, auch wenn es bekannt war, dass sie manche festgenommenen russischen Soldaten die Kehle durchschnitten. Sie und auch Osama Ben Laden waren Helden, solange sie gegen den Feind kämpften. Auch Islamisten, die gegen Bashar Assad in Syrien vorgingen, wurden vom Westen zunächst unterstützt nach dem Motto „der Feind meines Feindes ist mein Freund“.  Aus dieser Bewegung ging auch ISIS hervor, der heute brutal mordet und massakriert. Es soll auch heißen, jeder ist unschuldig, solange er nicht von einem Gericht verurteilt wird, aber es ist legitim gezielt „Verdächtige“ mit Dronen und Bombern aus der Luft anzugreifen und töten. Es ist auch erlaubt, dicht besiedelte Gebiete in Gaza als Antwort auf die Tötung eines Israelis zu bombardieren. In der Presse liest man dann.“ Hamas und Israelis haben sich gegenseitig Kämpfe (!) geliefert.“

Manchmal hat man das Gefühl, „Menschenrechte“ sind wie die Satzung eines Tierschutzvereins. In so einer Satzung sollen alle Tiere geschützt werden, aber die Verfasser sind sich nonverbal darüber einig, dass damit der Schutz von nützlichen Tieren gemeint ist. Unter diesem Schutz fallen keine Ratten, Kakerlaken und Schädlinge. Darüber besteht einfach Konzens! Die Europäer haben eben ihre Menschenrechte vorrangig für sich selbst und ihre ausgesuchten Personenkreise verfasst und waren auch die ersten, die diese Menschenrechte selektiv auf bestimmte  nützliche „Rassen“ und Gruppen beschränkten, und unliebsame Gruppen und Schichten (Juden im 3. Reich, Konterrevolutionäre unter Stalin) zu „Schädlingen“ erklärten. Der Westen hat im Laufe seiner Geschichte sich ständig durch „Ausgrenzung“ von zu „Feinden“ erklärten Kräften definiert. Feindbilder waren immer willkommene Instrumente, die eigenen Schwächen zu vertuschen.

Viele Muslime fühlen sich gegenüber den gewaltigen Meinungsbildungsapparten und der Arroganz der Politik ohnmächtig. Ohnmacht erzeugt Wut. Damit es aber zum Terror wird, muss eine Schwelle zur Gewaltbereitschaft überwunden werden. Was die Terroristen über diese Schwelle bringt, ist noch nicht richtig erforscht und analysiert worden. Die Hoffnung auf 70 Jungfrauen im Paradies ist eine Legende, an die kaum ein Absolvent  der Technischen Universität Harburg (wie Mohammad Ata) glauben kann. Vielmehr sind der blinde Hass und blinder Gehorsam gegenüber falschen Propheten  so groß, dass diese das DENKEN abschalten. Terroristen können nicht selbstständig denken, auch wenn sie Universitäten und Hochschulen  besucht haben.

Die jüdische deutsche Philosophin Hanna Arendt hatte Anfang der 60er Jahre den Prozess gegen Eichmann in Israel besucht. Als sie nach Amerika zurückkam, schreib sie inspiriert von ihrem Lehrer Martin Heidegger Beiträge mit der provokativen These, dass Eichmann kein Verbrecher war; vielmehr war er einfach nicht in der Lage zu DENKEN. Darum berief   sich Eichmann ständig (wie alle anderen Nazi-Verbrecher) auf einen Befehlsnotstand und leugnete seine „Selbstverantwortung“. Wer sich selbst als denkendes Individuum leugnet und sich nicht für seine Taten verantwortlich fühlt, sich also selbst als Marionette anderer Kräfte sieht, ist nicht mehr für seine Taten verantwortlich. Er kann einfach nicht DENKEN. Auch deutsche Djihadisten haben längst das Denken aufgegeben.

Verantwortlich für den islamischen Terrorismus ist also eine Kette von negativen Faktoren, welche eine Gewalt erzeugende Konstellation gebildet haben. Diese neue Konstellation, die heute ständig Gewalt und Hass verursacht, sollte nicht an Stammtischen und gehaltslosen oberflächlichen Talkshows, sondern von ehrlichen, neutralen, gutmütigen Juden, Christen und Muslimen gemeinsam untersucht und ausgiebig diskutiert werden. Man soll Fragen stellen und die Dinge noch weiter hinterfragen.

 

Dr. Hadi Resasade

www.resasade.com

www.resasade.de

 

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