Jul 222012
 

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Die deutsche Sprache steht weltweit für präzise Ausdrucksweisen und klare Definitionen und gilt deshalb als diese Sprache der Philosophie, die ohne fundierte Definitionen nicht auskommt.

Was ist aber mit dem unglücklichen Begriff Integration, der seit Jahren laufend ohne eine klare Vorstellung in Anspruch genommen wird?

Der Bundeskanzler verlangte neulich mehr Integrationswillen von Migranten. Gibt es aber auch einen allgemeinen Willen und Konsens unter den Politikern selbst, diesen Begriff genauer zu bestimmen?

Die Soziologen haben seit vielen Jahren die Gesellschaft in vier Subsysteme geteilt: soziales, politisches, wirtschaftliches und kulturelles System. Wenn von Integration gesprochen wird, dann muß geklärt werden, welche dieser Dimensionen eine Priorität besitzen, und wie man im Einzelnen vorgehen soll? In welchem Bereich ist die Integration besser gelungen, und wo liegen die schwierigsten Probleme?

1. Die wirtschaftliche Integration  ist generell am einfachsten und  ist auch in der Bundesrepublik seit mehreren Jahrzehnten Dank der besseren ökonomischen Aufnahmefähigkeit im Verhältnis zu anderen europäischen Ländern relativ gut gelungen.

2. Die Integration in das hiesige kulturelle System ist dagegen am schwierigsten. Kulturelle Werte sind sehr hartnäckig und werden mit Muttermilch eingesaugt. Diese Werte aufzugeben, fällt es allen Menschen sehr schwer, insbesondere wenn sie mit religiösen Weltanschauungen vermischt werden.

3. Das soziale System wird grundsätzlich von NORMEN (allgemeinen Regeln und Sanktionen) gesteuert, die mit der Straßenverkehrsordnung vergleichbar sind. Das Rechtssystem ist wohl eins der wichtigsten Teile dieses Systems und ein Garant für den reibungslosen gesellschaftlichen „Verkehr“. Die meisten Zuwanderer passen sich schnell an dieses System an und akzeptieren auch die Regeln. Sie verhalten sich im gesellschaftlichen Verkehr nicht schlechter, als im Straßenverkehr.

4. Die Integration in das politische System hat sehr viel mit der Aufnahmebereitschaft jener Gesellschaft zu tun, in die man sich integrieren will. Beteiligung an politischem Ablauf setzt Partizipationsrechte (vor allem das Wahlrecht) voraus, über die der Zuwanderer selbst nicht entscheiden kann. Durch die Reform der Staatsbürgerschaft hat sich  in letzten Jahren in diesem Bereich viel getan. Ein weiterer Aspekt, der auch ohne Beteiligungsrechte von Bedeutung ist, ist die politische Bildung und demokratische Erziehung. Es geht hier um einen Lernprozeß, die GRUNDWERTE einer offenen demokratischen Gesellschaft zu verinnerlichen.

 

Diese Unterteilung ist nichts anderes als ein analytisches Hilfsmittel, um eine vorläufige Ordnung in die Problematik zu bringen. In der Tat sind diese vier Subsysteme und ihre zahlreichen eigenen Elementen miteinander verzahnt und verbunden. Eine Gesellschaft lebt und reproduziert sich ständig.  Es bilden sich ständig neue Strukturen und Differenzierungsprozesse, die eine Neuintegration verlangen (s. Kasten)

Ob eine Integration von meisten Migranten in diese vier Teilbereiche der deutsche Gesellschaft ohne Komplikationen möglich ist, muß stark bezweifelt werden. Wir  brauchen einen realistischen Umgang mit dieser Angelegenheit. Was möglich erscheint, ist eine Lösung der mittleren Reichweite, ein Mindestmaß an Konsens und praktikable Vorschläge, ohne große Illusionen, denn die Problematik ist etwas komplizierter:

 

 

Integration ist ein komplizierter Prozeß.

Eine Gesellschaft oder Nation, die seit Jahrhunderten besteht, hat im Laufe der Geschichte maßgeschneiderte „Integrationsklammern“ für seinen eigenen Bestand entwickelt. Dies erfolgte nie ohne Konflikte, Rückschläge und innere Unruhen. Es wurden Lösungen erkämpft, ausprobiert, verworfen, und neue gesucht, um die innere Stabilität und das friedliche Zusammenleben der eigenen Mitglieder zu ermöglichen: Sprache, Nationalgefühl, gemeinsame Anschauungen, Werte, Gewohnheiten, Interessen, Sitten, Normen, Religionen, Kulte, Verhaltensweisen, Erwartungen, Lebensphilosophien, Glaube und Aberglaube, Ängste, Hoffungen, Zukunftsperspektiven, Feindbilder, historisches Gedächtnis, das Empfinden vom gemeinsamen Glück, Feste, Nationale Trauertage, bittere Erinnerungen, und viele andere Dinge bildeten über Jahrhunderte  eine ORIENTIERUNG. Ob man diese als Kultur, Volkscharakter, kollektive Persönlichkeit oder Mentalität bezeichnet, ist zweitrangig. Ralf  Dahrendorf spricht einfach von einem „Zentrum, an dem sich die Menschen orientieren“. Eine Integration von erwachsenen Zuwanderer in dieses Zentrum scheint auch in Zukunft nicht möglich zu sein.

Plädoyer für einen realistischen Weg

Was soll man also von Ausländern konkret verlangen? Sollen die Zuwanderer etwa in dieses Zentrum eintreten, oder bestimmte Hauptelemente dieses Zentrums annehmen?  Die zahlreichen oben aufgezählten Elemente beinhalten zwei „Begriffe“, auf die man sich konzentrieren soll: es sind  „NORMEN“ der deutschen Gesellschaftsordnung und „GRUNDWERTE“ eines  offenen und demokratischen Systems:

  • Wir wollen vom einem ausländischen PKW-Fahrer nicht erwarten, einen schweren LKW mit einem Anhänger (beladen mit deutscher Geschichte und Kultur) zu lenken. Was praktikabel und wünschenswert ist, daß er  sich zusammen mit dem deutschen LKW-Fahrer an übergeordnete und anerkannte Regeln des Straßenverkehrs hält, auch wenn er vom Sinn dieser Ordnung nicht überzeugt ist. Normen (insbesondere straf– und zivilrechtlichen Gesetze) sind Regeln des gesellschaftlichen zwischenmenschlichen Verkehrs.
  • Der Begriff „Grundwerte“ ist  komplizierter und erfaßt  systemübergreifend verschiedene Bereiche der Gesellschaft. Wir beschränken uns auf „Grundrechte“, wie sie in die deutsche  Verfassung und vorher in internationale  Menschenrechtserklärungen eingegangen sind.

Diese beiden Elemente (Normen und Grundrechte)  sollen   aus dem gesamten Katalog der Integrationserwartungen  getrennt und als Mindestmaß für ein friedliches Zusammenleben gelten. Vielmehr kann weder verlangt und zugemutet werden, noch wäre es praktikabel.

 

Normen müssen respektiert werden.

Das erste Element, also die „Normen“ können auch ohne „innere Überzeugung“ eingehalten werden. Sie haben nicht immer mit Moral und „individuellem Gerechtigkeitssinn“ zu tun, aber es gibt dazu keine Alternative. Sie sind hier und da mit persönlichem Gerechtigkeitsempfinden nicht vereinbar, aber ohne sie funktioniert kein soziales System.

Das Kopftuchverbot für Staatsdienerinnen ist ebenfalls eine solche Norm. Man mag sich persönlich ungerecht behandelt fühlen, aber diese „Ungerechtigkeit“ wird durch zahlreiche Vorteile überkompensiert, die ebenfalls aus den Normen dieser Gesellschaft resultieren: Scheidungs- Sorge– und Unterhaltsrecht, Tätigkeit als Richterin, gerechtes Erbrecht, Schutz vor  gewaltbreiten Ehemännern,  und viele  andere Rechte, die von muslimischen Frauen in Anspruch genommen werden, stammen nicht vom geltendem islamischen Recht.  Manche Muslime wollen die freie „Ausübung“ der Religion aus dem im Grundgesetz garantierten „Glaubensfreiheit“ ableiten. Was versteht man aber über freie Ausübung des Islam? Kann ein muslimischer Mann mit 4 Frauen vor dem Standesamt erscheinen und die Eheschließung verlangen?

Grundwerte müssen akzeptiert werden

Während man also die Normen auch ohne innere Überzeugung hinnehmen muß,  sind Grundrechte von einer anderen Qualität. Sie sollen als gemeinsame WERTE verstanden und verinnerlicht werden. Bis man aber neue Werte verinnerlicht,  haben wir einen steinigen Weg zurückzulegen. Erwachsene Zuwanderer, die in ihrer Heimat eine ganz andere Sozialisation durchgemacht haben, können von heute auf morgen ihre Werte umstellen. Im ersten Stadium muß man sich also mit einer  „Akzeptanz“ dieser Werte begnügen.

Viele Zuwanderer kommen aus Gesellschaftlichen mit einem repressiven rechtlich-politischen System. Andere sind aus Ländern, wo Gewalt und Bürgerkrieg herrscht, und in diesem Klima sind sie aufgewachsen. Hier muß der Weg von Akzeptanz bis zur Überzeugung mit Geduld und Verständnis zurückgelegt werden. Das Erlernen der deutschen Sprache spielt hier eine Schlüsselrolle.

Es muß den Migranten auch verständlich gemacht werden, daß menschliche Grundrechte keinen spezifisch deutschen Charakter haben, sondern von universeller kulturübergreifender Bedeutung sind. Sie sind das gemeinsame Erbe der menschlichen Evolution auf dem Weg zu einer humanen Gesellschaft. Man braucht sie als „Weltethos“ und kultur– und religionsuzabhängige Werte, um verschiedene Kulturen miteinander zu verbinden. Nebenbei sei bemerkt, daß die Europäer selbst dieses gemeinsame Erbe nicht immer gepflegt haben: Nationalsozialismus, Stalinismus, Anarchismus, Einsatz vom Terrorismus als politische Waffe und Antisemitismus waren im 20. Jahrhundert keine „Importe“ aus einer „asiatischen Despotie“ in eine zivilisierte Welt, sondern hausgemachte europäische Produkte, die Millionen von Opfern hinterließen. Die Angst, daß Ausländer oder fremde Gesellschaften  mit ihren „primitiven Werten“ die christlich-abendländische Welt gefährden könnten, ist eine Phantasie.

Integration und religiöse Aufklärung

Gemeinsame menschliche und humane Prinzipen (Gesetzesnormen, Tugenden und Grundwerte) sind die Mindestanforderung einer „Einbettung“ und „Einbeziehung“ von Migranten in die deutsche Gesellschaft.

Bei der Durchsetzung dieses „Mindestmasses“ sind deutsche Politiker genauso gefordert, wie die „ausländischen weltlichen und geistlichen Autoritäten“ in Deutschland und im Ausland. In der islamischen Theologie sprach man vor Jahrhunderten vom „Haus des Friedens“ und „Haus des Krieges“. Dies hatte zufolge, daß ein Muslim sich in der Diaspora nicht an die herrschenden Normen und Werte zu halten brauchte. Dieser Gedanke geht auf eine Zeit zurück, die seit Jahrhunderten überholt ist. Heute gibt es weder eine einheitliche islamische „Umma“, noch die „Christenheit“ mit universellem Anspruch. Wir müssen die ganze Welt als „Haus des Friedens“ betrachten, und Religionen müssen auf jedes „Wahrheitsmonopol“ verzichten.

Muslime müssen Verständnis haben,  wenn eine Gemeinschaft ihre lange kulturelle Tradition und ihr „Orientierungszentrum“ wie nationale Grenzen verteidigt. Bis sich die Elemente dieser Orientierung durch das Zusammenleben mit anderen Kulturen und Austausch von Erfahrungen  verschieben, neu bilden, ausdifferenzieren und neue Strukturen und Formen aufnehmen, dauert es eine sehr lange Zeit.

Die Deutschen sollen aber auch nicht jede Andersartigkeit als Gefahr für die Entstehung einer Parallelgesellschaft verstehen. Differenzen werden dann gefährlich, wenn aus dem „Nebeneinander“ kein „Miteinander“ erwächst. Aus dem Miteinander kann in einem friedlichen Klima ein „Füreinander“ werden.

Hadi Resasade

www.resasade.de

Weiter …..

 Posted by at 16:48

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