Jul 222012
 

leitkultur

Warum „deutsche Leitkultur“ ?

Vor fünf Jahren entflammte Friedrich Merz in einer Bundestagsdebatte die Diskussion um den Begriff „deutsche Leitkultur“. Dieser Begriff ist inzwischen zwar in die Hinterbänke verdrängt, aber bis heute undefiniert geblieben.

Die „Kultur“ selbst wird allgemein als die Gesamtheit des historisch gewachsenen ideellen Schaffens eines Volkes verstanden. Demnach kann die „Kultur“ eines Volkes kein monolithes und statisches Gebilde sein. Sie besteht aus verschiedenen Elementen unterschiedlichen Ursprungs; sie ist ein Fluß mit vielen Nebenauen. Betrachtet man die „deutsche Kultur“, so kann man mindestens folgende Quellen herausfinden, aus denen diese Kultur entsprungen ist. Es sind:

  • germanisch-völkische und ethnische Besonderheiten (Sagen, Mythen, Kulten, identitätsstiftende Bräuche, Sitten, Feste, u.a.) Diese Elemente spielen im kollektiven Unterbewusstsein noch eine Rolle und sind auch regional sehr unterschiedlich. „Schimmelreiter“ könnte niemals in Bayern geschrieben werden und der Drachenfels wäre an der Elbe undenkbar.
  • Nach der deutschen Einheit 1871 wurde die Kultur stärker von preußischen Tugenden geprägt:  Disziplin, Ordnungsliebe, Priorität der Sicherheit gegen über Freiheit, Sorge um den Verlust der Einheit und Identität. Das preußische Element ist in den letzten 30 Jahren stark zurückgegangen. Die 68er Bewegung hat dazu einen großen Beitrag geleistet. Wahrscheinlich wird in 30 Jahren noch kaum etwas von diesen deutschspezifischen Tugenden und Besonderheiten mehr bleiben.
  • Deutsche Sprache und Literatur mit ihren Besonderheiten gegenüber der europäischen Literatur und Philosophie: Dramen statt Romane, spekulative Philosophie versus anglosächsischen Rationalismus und französischen Antiabsolutismus: Deutsche Philosophie suchte mehr nach Ordnung und Strukturierung der Welt und die französische nach der individuellen Freiheit.
  • Europäische  Einflüsse, wie  die antike Philosophie, Rationalismus, Renaissance, Aufklärung, Bürgerrechte, Gleichberechtigung u.a. sind eher dem klassisch-europäischen Gedankengut zuzuordnen, als dem des deutschen Geistes. Dieses „freiheitliche Element“ gehörte nicht immer zur deutschen Tradition und blieb auch in Folgezeit fragil.
  • christliche Kultur: soziale Gesinnung, katholische Soziallehre, soziale Marktwirtschaft und Spendenfreudigkeit  sind christlichen Ursprungs. Auch Menschenrechte gehen zum Teil auf die urchristliche Lehre (Nächstenliebe, Vergebung, Gewaltlosigkeit) zurück. Das in Palästina entstandene Christentum wurde erst in Europa (und nicht im Orient) als Macht– und Unterdrückungsmittel instrumentalisiert, und nach der Säkularisierung in den Dienst der Menschen gestellt. (Religion ist für die Menschen und nicht die Menschen für die Religion)
  • Industrielle Einflusse und in einer neuen Variante, die Globalisierung der vergangenen Jahre, haben allen Kulturen ihren einheitlichen Stempel aufgedrückt: Konsumorientierung, Rückgang der Spiritualität, menschliche Vereinzelung, soziale Kälte, Vernachlässigung von Alten, Schwachen und Kindern, Ellenbogen-Ideologie, und die Trennung zwischen Recht und Moral haben auch die deutsche Kultur beeinflusst und in manchen Bereichen sogar die Oberhand gewonnen. (Sonntags-Einkauf, statt Ruhe und Besinnlichkeit) Es gibt keine Anzeichen dafür, daß diese „industrielle Kultur“ in absehbarer Zeit schwächer wird.
  • Politische Faktoren haben zu jeder Epoche in Deutschland verschiedene „politische Kulturen“ hervorgebracht. Die späte Abschaffung des Absolutismus, Niederlagen in zwei Weltkriegen,  politische Erniedrigung, deutsche Teilung und weitere Ereignisse haben das „kollektive Bewusstsein“ mitgeprägt. Ohne verspätete und misslungene parlamentarische Kultur hätte es auch keine nationalsozialistische „Unkultur“ und Bücherverbrennungen gegeben.

Die Summe all dieser Umwälzungen, Entwicklungen und Einflüsse bildet das Kulturverständnis der heutigen Deutschen. Diese Gesamtheit wurde mal von inneren und mal von äußeren Elementen beeinflußt; mal wurde sie von sie diesem und mal von einem anderen Faktor dominiert. Wohnkultur, Esskultur, Beziehungskultur u.a. stehen einem permanenten Wandel. Auch  hat jeder Deutsche privat für sich eine eigene Mischung und Konstellation dieser Elemente, die er als „sein Kulturverständnis“ betrachtet. Es gibt also  auch „kulturinterne“ Elemente mit „leitender“ Funktion, also auch eine Art  „interne Leitkultur.“ Dies ist die Grundeigenschaft aller Kulturen: auch die heutige iranische Kultur ist eine Mischung aus altpersischen, islamischen und westlichen Elementen.

Die speziell völkisch-ethnischen deutschen Kulturelemente können von einem Einwanderer weder verstanden, noch aufgenommen werden, denn ethnische Zugehörigkeit ist nicht erwerbbar. Mit einem arabischen Paß wird  kein Deutscher ein Araber. Mit deutscher Staatsbürgerschaft  wird man nicht Teil des deutschen Volkes, sondern Staatsbürger Deutschlands. Was aber erworben werden kann sind die deutsche Sprache und die soziopolitische Kultur (Demokratie, Pluralismus, Toleranz und Grundwerte), die sich in Grundeigenschaften kaum von französischer, oder schwedischer Kultur unterscheidet. Diese soziopolitische Kultur spiegelt sich in den Grundwerten der deutschen Verfassung wider. Von daher gilt die Formel:

Integration = deutsche Sprache + Grundwerte

Die Erwerbung weiterer Elemente der deutschen Kultur sind weder erforderlich, noch möglich.

Kann man von einem  Buddhisten verlangen, sich der industriellen europäischen Kultur, dem Individualismus, der Vereinsamung und Vereinzelung anzupassen und die „geiz-ist-geil-Kultur“ zu akzeptieren? Dafür musste er seinen Glauben und Kultur aufgeben. Ein Orientaler kann  auch nach 50 Jahren seine Gastfreundschaft als ein Grundwert ablegen und einen unangemeldeten Gast an der Tür abweisen, oder ihn erst durch das Guckloch und später unter Zuhilfenahme einer Kette begutachten!

Es besteht auch der starke Verdacht, daß die Vertreter der deutschen Leitkultur dies nicht für alle Einwanderer fordert: Diese Erwartung gilt gewiß nicht einem japanischen, amerikanischen, oder israelitischen Einwanderer. Ohne es beim Namen zu nennen, sind hier in der Regel die muslimischen Einwanderer gemeint.  Wenn es so ist, sollte man statt deutscher Leitkultur von einer „demokratischen Kultur“  als Gegenpol zu einer „Kultur der Gewalt“ sprechen. In der Tat leben in westlichen Gesellschaften viele Muslime, für die „Gewaltlosigkeit“ ein Fremdwort ist. Für sie ist die „staatliche Gewalt und Kriegspolitik ohne eine völkerrechtliche Legitimation“ genauso eine „Gewalttat“ mit menschlichen Opfern, wie ein Bombenattentat. Es gibt einen „Konflikt der Kulturen“, den man nicht wegreden kann.  Dieser Konflikt wird aber zwischen „autoritären gewaltbereiten“ Kräften einerseits und „demokratischen“ Kräften andererseits ausgetragen. Auf beiden Seiten kann man sowohl Muslime, Juden und Christen finden. Ein echter Dialog der Kulturen und Zivilisationen kann mit der festen Überzeugung beginnen, daß man in der heutigen Welt mit „Gewalt“ nur „Gegengewalt“ erzeugt.

Plädoyer für einen neuen Begriff

Die „deutsche Leitkultur“ sollte durch „demokratische Kultur“ ersetzt werden. Die Demokratie braucht auch keine weiteren Prädikate wie freiheitliche, rechtstaatliche u.a. Genauso verhält es sich auch mit dem Begriff Republik. Volksrepublik ist eine Tautologie und Islamische Republik eine Relativierung der Republik.

Demokratie schließt „Säkularismus“, „Toleranz“, „Gewaltverzicht“, demokratische Gesinnung in der Familie und in der Gesellschaft, Beteiligung von Minderheiten  u.ä. Begriffe ein. Sie soll nicht nur von Einwanderern, sondern auch von Einheimischen gelernt und praktiziert werden.

Der Begriff „deutsche Leitkultur“ assoziiert  „Leitung“, „Führung“ und „Unterordnung“, auch wenn viele seiner Vertreter diese Zustände nicht meinen.  Viele Menschen, die aus autoritären und undemokratisch regierten Gesellschaften nach Deutschland kommen, haben die große Bereitschaft und gar den Nachholbedarf, sich in die demokratische Kultur einzuordnen. Durch Akzeptanz der demokratischen Grundordnung können positive Elemente der eigenen Kultur mit positiven Teilen der deutschen Kultur verbunden werden. Auch wenn man die multikulturelle Gesellschaft inzwischen für Illusion hält, so ist die Entstehung von multikulturellen offenen Individuen eine tägliche Realität und eine Bereicherung der Gesamtkultur.

Hadi Resasade

Dein Christus: ein Jude,
Dein Auto: ein Japaner,
Deine Pizza: italienisch,
Deine Demokratie: griechisch,
Dein Kaffee: brasilianisch,
Dein Urlaub: türkisch,
Deine Zahlen: arabisch,
Deine Schrift: lateinisch.

Und dein Nachbar, nur ein Ausländer?

BS: Urheber konnte nicht ermittelt werden.

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 Posted by at 16:47

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