Jul 222012
 

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vom Leid eines Perserkönigs unter preußischer Disziplin

Der persische König Nasereddin Schah (Qajaren-Dynastie) herrschte ab 1848 für 50 Jahre im Iran. Während dieser Zeit verpaßte das Land systematisch den Anschluß an die Moderne. Die damaligen Supermächte Russland und Großbritannien konkurrierten um Konzessionen und verwandelten das Land in eine Halbkolonie. Reformversuche wurden vom König niedergeschmettert. Er ließ sogar den reformorientierten Großwesir Amir Kabir töten. Nasereddin Schah wurde 1896 selbst von einem Freiheitskämpfer ermordet. 10 Jahre später kam es zur Konstitutionellen Revolution, mit dem Ziel die absolute Monarchie zu beenden.

Während das Land in Stagnation und Armut verharrte, unternahm der König aufwendige Auslandsreisen nach Europa, die allein seinem Vergnügen dienten. Er schrieb dann seine „Erlebnisse“ als Reiseberichte nieder. Einer dieser Berichte wurde auch in deutsche Sprache übersetzt:

Nasreddin Schah, Ein Harem in Bismarcks Reich, Stuttgart-Wien-Bern 1983, Edition Erdmann in K. Thienemanns Verlag.

Wir bringen Auszüge aus der Station seiner Reise in Berlin:

 

Berlin, 1. Juli 1873

„Am Morgen habe ich die Stadt besichtigt. Sie hat jetzt die Ehre, Hauptstadt des ganzen Reiches der Deutschen zu sein…. Heute ist ein Feiertag der Ungläubigen, die hier zumeist shiitisch (BS: protestantisch!) sind… Die Menschen spazieren auf den Plätzen (…)  In Iran ist der  Spaziergang eine Sache des einfachen Volkes. Hier tun es auch die Angehörigen der gehobenen Stände (…) Die Frauen, nicht so herausgeputzt wie in Russland, bewegen sich oft in ganzen Gruppen (…) Schönheiten habe ich aber unter ihnen noch keine festgestellt. Bei ihnen dürfte wohl die Kraft überwiegen; Anmut ist jedoch ihnen nicht gegeben.

Um Mittag fuhren wir zum Sommerpalast des Kaisers und in die berühmten Gärten Friedrichs des Großen nach Sanssouci. (…) Ich ließ den uns führenden Beauftragten des kaiserlichen Hofes fragen, welchem seiner Untertanen der große Friedrich diesen herrlichen Park weggenommen habe. Der Mann war wenig erstaunt und sagte, daß der König diese Anlage mit seinem eigenen Geld geschaffen hätte. Ein komisches Volk! Diese Fürsten der Ungläubigen nehmen ihren Untertanen nichts weg, was ihnen gefällt. Das sind schon rechts seltsame Bräuche! (…)“

Berlin, 2. Juni 1873

Nasserddin Schah wundert sich, daß die Berliner Zeitungen seine Unpünktlichkeit („den raschen Wechsel in meiner Entscheidungen“) kritisieren. Er kann nicht verstehen, daß der Kaiser und die Beamten  ihre Tagesstunden genau einteilen:

„Sogar der Kaiser hat sein festes Programm. Er arbeitet bereits morgens und dann noch bis spät in die Nacht hinein. (…) Es will mir nicht in den Kopf, wie man sich als so mächtiger Kaiser nur so abrackern kann, besonders wenn man genug tüchtige Leute besitzt, die viel von dem Tagesablauf übernehmen könnten. Den wohltuenden Genuß eines ruhigen, von Belastungen freien Alltags kennen diese Ungläubigen nicht, und dieser Kaiser im Reich der Deutschen will gar nichts davon wissen (…) Wen wundert es daher, wenn sich in seinem Kopf so allerlei Sorgen ansammeln? (…) Beim Zaren von Russland habe ich von diesem Arbeitseifer allerdings nicht so viel bemerkt. Wir Könige des Orients sind unserem Vorfahren dankbar, daß sie uns nicht als solche Arbeitstiere in die Welt gesetzt haben. Der Löwe möchte wirklich kein Lastesel sein und ein Shah-in-Shah nicht sein eigener Staatssekretär. Allah hatte seine Propheten, und ich habe meine Minister. Reicht es denn nicht, daß ich mich beim Frühstück mit Vorträgen über Staatsgeschäfte belästigen lassen muß? Habe ich nicht Minister, Gouverneure und Generäle zum Arbeiten? (…) Die Repräsentanten des preußischen Hofes müssen recht eigenartige Naturen sein, anders als die übrigen Fürsten der Ungläubigen und noch mehr als die Muslime. Dieser deutsche Kaiser könnte ein paradiesisches Leben führen. Der Reichskanzler Bismarck sorgt für eine gute Politik, der Generalfeldmarschall Moltke holt ihm, wenn er nur Lust dazu hätte, sofort ganze Völker und Länder in einem Feldzug herbei, und trotzdem wühlt er sich in die Aktenberge hinein, um ja jeden Entschluß seiner Minister noch einmal zu überprüfen.“

Der Perserkönig hat absolut kein Verständnis für die Disziplin der Ungläubigen, denn „die Zeit ist doch ihr Herrscher und Tyrann.  Weil ihnen das einfach in Fleisch und Blut übergegangen ist, können sie nicht verstehen, daß ich mich an kein Programm festklammere, vielmehr der Zeit befehle, sich nach mir zu richten (…) Ich (kann) einfach nicht der Sklave eines Protokollchefs sein (…) Wie Gasteiger sagte, bezeichnen sie (BS: die Zeitungen) mich als keinen Freund der Genauigkeit. Sie hätten durchblicken lassen, daß es ein Gebot Die Pünktlichkeit ist die Höfflichkeit der Könige gebe. Dieser Spruch ließ mir keine Ruhe. Ich mußte herausfinden, wer solchen Unsinn aufgebracht haben konnte (…) Albernes Geschwätz also! Der König der Könige braucht nicht höfflich, also auch nicht pünktlich zu sein. Und damit basta!“

Nach dem Besuch eines Theaters zusammen mit deutschen Kaiser Wilhelm I, schreibt der König:

„Nur eine Beobachtung ist mir einfach unerklärlich: Da bauen die Herrscher solche Paläste und machen sich ein Vergnügen daraus, in den Gebäuden mit tausend anderen Menschen, bis zu den einfachsten Arbeitern hinunter Tanz– und Singspiele anzuschauen. Sehr seltsam! Wenn ich mir ein solches Haus bauen ließe, dann möchte ich es schon ganz allein für mich und meine Tänzerinnen haben. Was hätten da andere, etwa meine Untertanen, darin zu suchen? (…) Dem Untertan sollte (…) nicht ermöglicht werden, in den gleichen Genuß wie sein Herrscher zu kommen. Hier scheint man von diesen Selbstverständlichkeiten nicht viel zu halten.“

 

 

 

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