Jul 222012
 

 

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Interview mit der Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi

 

Balge Salz: Es gibt muslimische Theologen, die von der Unvereinbarkeit der UNO-Menschenrechtserklärung mit islamischen Gesetzen ausgehen. Was ist Ihre Meinung dazu?

Shirin Ebadi: Mit einem richtigen Verständnis des Islam können Muslime die Allgemeine Menschenrechtserklärung akzeptieren. Die körperliche Unversehrtheit, Sicherheit des Eigentums und die Menschenwürde sind auch vom Islam anerkannt.

Barge Sabz: Es wird aber von manchen islamischen Theologen behauptet, die Menschenrechtserklärung sei Ergebnis der westlich-christlichen Kultur.

Shirin Ebadi: Das ist eine falsche Behauptung. Die Menschenrechtserklärung geht auf verschiedene Kulturen und Zivilisationen zurück. Bei dem Entwurf dieser Erklärung wirkte sogar ein muslimischer Jurist aus Libanon mit. Die Menschenrechte sind ein universeller Standard für das Wohl der ganzen Weltbevölkerung und haben mit einer bestimmten Zivilisation nichts zu tun. Keine Religion befürwortet Folter, Erniedrigung und die Tötung von unschuldigen Menschen. Ungerechtigkeit, Plünderung des Volksvermögens und Diskriminierungen sind in allen Doktrinen und Ideologien verpönt. Diejenigen, die unter dem Vorwand des Kulturrelativismus Menschenrechte verletzen, verstecken sich unter eine Maske, um im Namen der kulturellen Andersartigkeit, Religion, oder nationalen Interessen die Verletzung der Rechte des eigenen Volkes zu rechtfertigen.

Barge Sabz: Wie kommt es, daß manche islamischen Theologen gegen diese Erklärung sind?

Shirin Ebadi: Wie bei jeder anderen Ideologie gibt es auch im Islam unterschiedliche Deutungen. Dies ist auch im Christentum der Fall: In einer Kirche wird die homosexuelle Ehe akzeptiert, während eine andere sie verurteilt. Dabei berufen sich beide Kirchen auf das Christentum. Ein anderes Beispiel: Kuba und China sind beide sozialistische Staaten, obwohl deren politisch-wirtschaftlichen Verhältnisse sehr unterschiedlich sind. Es soll also nicht wundern, wenn auch im Islam unterschiedliche Deutungen existieren. So dürfen Frauen in Saudi-Arabien das eigene Fahrzeug nicht lenken, dagegen konnten in Indonesien, Bangladesh und Pakistan Frauen Staats– und Ministerpräsidenten werden. So stellt sich die Frage, von welchem Islam und welcher Auslegung wir ausgehen.

Barge Sabz: Wie kann man eine Annährung dieser unterschiedlichen Positionen erreichen?

Shirin Ebadi: Was wir brauchen, ist eine Islam-Auslegung, die den Erfordernissen unserer Zeit entspricht. Ich halte diese Anpassung im Rahmen des Islam für möglich.

Barge Sabz: Vor einigen Jahren verabschiedeten islamische Rechtsgelehrte in Kairo eine „Islamische Menschenrechtserklärung“. Was halten Sie von diesem Schritt?

Shirin Ebadi: Wenn Muslime wegen ihrer Zugehörigkeit zum Islam die Anerkennung der Allgemeinen Menschenrechtserklärung ablehnen und eine „eigene“ Menschenrechtserklärung verabschieden, dann müssen sie dieses Recht auch anderen Religionen zugestehen. In diesem Fall werden wir  buddhistische, jüdische und andere Menschenrechtsauffassungen haben, was die Universalität der Menschenrechte untergräbt. Darunter werden die islamischen Gesellschaften am meisten leiden. Diese Gesellschaften sind international schwach, und durch die Aufhebung der universellen Menschenrechtserklärung  werden sie noch stärker unterdrückt. Eine islamische Menschenrechtserklärung schadet den Muslimen selbst. Besser ist, wenn alle einem international anerkannten Standard folgen.

 

Barge Sabz: Frau Dr. Ebadi, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

 

 

 

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