Jul 222012
 

Die Islamisierung Irans: Tragödie oder historischer Wendepunkt?

von Kaveh Yazdani

 

Der Einbruch des Islams war die größte Veränderung in der Geschichte des Irans und des gesamten Nahen Ostens überhaupt. Richard Frye geht selbst so weit zu behaupten, daß „much more than the industrialization and western influence today Islam changed the entire course of Iran’s history.”

(daß „der Islam den Verlauf der iranischen Geschichte sogar noch stärker beeinflusste als die Industrialisierung und der Einfluss der heute vom Westen ausgeht.“ ) Zwei Jahre nach dem Tode Mohammeds begannen die islamischen Araber ihre Eroberungszüge und unterwarfen in kurzer Zeit das byzantinische Syrien, Ägypten sowie das gesamte Sassanidenreich. Die Niederlage der sassanidischen Armee in der Schlacht bei Kadisiya am Euphrat im Jahre 637 nach Christus bescherte den Muslimen die sassanidische Hauptstadt Ktesiphon. 642 erzwangen die Araber einen zweiten entscheidenden Sieg bei Nehawand in Westiran, 644 nahmen sie Isfahan ein, 649 Istachr, das an die Stelle des alten Persepolis getreten war und ab 650 unterwarfen sie die nördliche Provinz Khorassan. Der letzte Sassanidenkönig Yazdegerd III. wurde 651 auf der Flucht ermordet. Damit befand sich das gesamte Territorium des Sassanidenreiches unter arabischer Oberhoheit und wurde Teil der islamischen Ökumene. Den Fortgang der Eroberungen und die dauerhafte Präsenz sicherten sich die Araber durch Garnisonsstädte, wie Basra oder Kufa, die sie während ihrer militärischen Kampagnen neu gründeten. In einer zweiten Eroberungswelle wurde zu Beginn des 8. Jahrhunderts schließlich Transoxanien unterworfen: „Zu diesem Zeitpunkt hatten sich nahezu überall in Iran zahlreiche Araber niedergelassen und sich mit der einheimischen Bevölkerung vermischt. Noch heute kann man die arabische Herkunft vieler Stämme und Familien Irans nachweisen.“ Höchstens ein Drittel aller bekannter Perser bekannte sich während der arabischen Eroberungsstürme weiterhin zum zoroastrischen Glauben. Ihre Zahl verringerte sich jedoch während der folgenden zwei Jahrhunderte ziemlich schnell. Viele traten zum Islam über oder wanderten aus. Häufig waren gesellschaftliche oder ökonomische Gründe für den Übertritt zum Islam maßgebend: „Viele Mitglieder der iranischen Oberschicht konvertierten offenbar ziemlich rasch, um auf diese Weise ihren Grundbesitz, ihre soziale Stellung oder steuerliche Privilegien zu bewahren, der Zahlung der Kopfsteuer zu entgehen oder sich besser in die neue muslimische Elite eingliedern zu können.“

Während die Araber in ihren Eroberungszügen nur wenige byzantinische Provinzen an sich rissen, eroberten sie auf der anderen Seite das gesamte sassanidische Reich und erbten somit ein gewaltiges Modell imperialer Herrschaft. Von den Persern lernten sie dadurch mehr als von allen anderen Quellen. Die Gründe für den Fall des Sassanidenreiches sind vielfältig: Eine der Hauptursachen liegt vielleicht in dem spirituellen und materiellen Bankrott der herrschenden Klasse, während die Mehrheit der Bevölkerung  durch Armut und  grassierende Klassenunterschiede erdrückt wurde. Ferner hatten die zoroastrischen Priester (Mobaden) aufgrund von Gier, Korruption und der Einmischung in die Politik den Zorn des Volkes auf sich geladen. Die erschöpfenden Kriege gegen Byzanz und die Regierungsfolge von acht unterschiedlichen Herrschern innerhalb von vier Jahren, während die Staatskasse immer kleiner wurde und für Pomp und Prunk vergoldet wurde, spielten wohl ebenfalls eine essentielle Rolle und erleichterten die arabische Invasion. Darüber hinaus besaßen die Perser einen unerschütterlichen und fatalistischen Glauben an das Schicksal, welches sie auf eine mögliche Niederlage hin vorbereitete. Außerdem gab es eine große Anzahl unzufriedener Andersgläubiger, vor allem Christen, die den Schutz von Feuertempeln und der sassanidischen Familie beeinträchtigten. Die motivierende Wirkung des Islams, der den Gefallenen den unmittelbaren Einzug ins Paradies versprach, die einheitsstiftende Kraft des Islams, die damit verbundene Verdrängung von Stammesfehden und der politische Zusammenschluss arabischer Stämme waren ebenso sehr bedeutsam. Man darf zudem nicht vergessen, daß die Beweglichkeit und das militärische Improvisationstalent der Araber gegenüber der im Vergleich eher schwerfälligen sassanidischen Söldnerarmee im Vorteil lagen. Des Weiteren besaßen die Araber einen großen Nachschub arabischer Kämpfer aus Innerarabien, währen die Sassaniden das Vordringen der Muslime zunächst deutlich unterschätzt hatten. Hinzu kommt, daß der Widerstand der iranischen Bevölkerung nach dem Tode Yazdegerds III. weder stark noch langwierig war. Die Muslime bekamen häufig sogar noch die Unterstützung von Arabern an den Grenzen des sassanidischen Reiches als auch von der einheimischen persischen Bevölkerung. Es gab auch Truppen, die zur muslimischen Armee überliefen. Sie wurden von den Arabern bevorzugt behandelt und mussten keine Steuern zahlen. Obendrein lag der Tribut, den die Muslime von der lokalen Bevölkerung verlangten, in vielen Fällen niedriger als die vorherige Steuerlast unter der sassanidischen Regierung. Eine andere Ursache für die mangelnde Abneigung der einheimischen Bevölkerung gegenüber den muslimischen Eroberern hing wohl auch mit der Stellung der so genannten „Schriftbesitzer“ (Ahl Al-Kitab) zusammen. Nach der Eroberung Irans wurden auch die Anhänger des Zoroastrismus, der im sassanidischen Iran Staatsreligion war, als „Schriftbesitzer“ anerkannt. Man berief sich dabei auf eine angebliche Überlieferung, nach der Mohammed von Zoroastriern in Bahrain die Kopfsteuer angenommen haben soll. Im Gegensatz zu den Heiden konnten sich Zoroastrier, Juden und Christen jedenfalls dem Schutz des Staates unterstellen und verlässliche Verträge abschließen. Voraussetzung dafür war die Zahlung von Steuern und eine Reihe von Einschränkungen und Verboten, welche die Unterwerfung und Erniedrigung der Nichtmuslime gegenüber den Moslems symbolisieren sollten. Dazu zählten unter anderem Bau-, Begräbnis-, Verkaufs- und Kleidervorschriften, Verbot des Reitens, Waffentragens und das Verbot, muslimische Frauen zu heiraten. Das Vorbild für diese Regelungen waren die Beziehungen des Propheten zu jüdischen und christlichen Gruppen in anderen Teilen Arabiens und gewisse, in Form von Offenbarungen, verkündete und später im Koran festgehaltene Leitsätze. Trotzdem genossen diese religiösen Gruppen unter der Herrschaft der Moslems mehr Freiheiten als unter dem Regime der zoroastrischen Kleriker, da sie nunmehr keine Zwangsarbeit und keinen Militärdienst mehr verrichten mussten. Auch andere religiöse Minderheiten, wie Manichäer und Mazdakiten besaßen unter den neuen Herrschern mehr Rechte als vorher. Die Motivation für die Eroberungszüge schöpften die arabischen Beduinenstämme sowohl aus ökonomischen als auch aus religiösen Bestrebungen, die kaum voneinander zu trennen sind. Einerseits besaßen die arabischen Beduinenstämme eine weit zurückreichende Tradition von Beutezügen und andererseits verfolgten sie den missionarischen Glaubenseifer des Islams.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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