Jul 222012
 

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Die „verspäte Nation“ und die alte Sorge um Identitätsverlust

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Eine kürzlich veröffentlichte Umfrage brachte das schreckliche Ergebnis, daß eine beachtliche Zahl der Deutschen vor Islam und Muslimen ANGST haben. Dieses Ergebnis widerspricht  Verfassungsschutzerkenntnissen, wonach die gewaltbreiten Islamisten unter den in Deutschland lebenden Muslimen eine sehr kleine Minderheit bilden. Woher kommt es zu dieser besorgniserregenden Diskrepanz?

Ablehnung von Fremden und Minderheiten ist ein weltweites und historisches Phänomen, das in Deutschland nicht stärker ist als in anderen Gesellschaften. Es klingt schmeichelhaft, aber wer etwas mehr von der Welt gesehen hat, weiß daß diese Ablehnung in Deutschland sogar weniger verbreitet ist, als in manchen anderen Gesellschaften. In Deutschland wird aber diese Ablehnung stärker von der Sorge um die Zukunft und Überfremdung begleitet, und  bei meisten Deutschen nicht vom Haß und Feindseligkeit geprägt. Woher kommt diese  übertriebene Besorgnis?

Der berühmte deutsche Philosoph und Soziologe Helmuth Plessner prägte vor vielen Jahren im Zusammenhang mit deutscher Geschichte das Wort „die verspätete Nation“. Die sehr späte Entwicklung Deutschlands zu einem Nationalstaat (1871), die Niederlage im Ersten Weltkrieg, die gescheiterte Weimarer Republik, der zweite Weltkrieg und die Teilung, der kalte Krieg und politische Bedeutungslosigkeit Deutschlands auf der internationalen Ebene unter den Vorbehaltsrechten der Siegermächte verhinderten durch ständige Brüche und Zusammenbrüche die Bildung einer vom nationalen Selbstbewusstsein getragene „nationalen Identität“

Die deutsche Geschichte wird von Wehleidigkeit  und einem permanentes Gefühl der Benachteiligung geprägt. War gerade die Anzettelung des 1. Weltkrieges nicht ein nicht nur vom Staat, sondern auch von der Bevölkerung mitgetragener Versuch, die „Verspätung“ Deutschlands aufzuholen? Dieser Krieg war der Versuch, den noch nicht voll gewachsenen Nationalstaat weiter zu stärken, die Nation zusammenwachsen zu lassen und nach einem Sieg endlich die immer wieder gescheiterte gebührende Position im Kreis der europäischen Mächte einzunehmen. Der Versailler Vertrag brachte aber genau das Gegensteil: Demütigung und Schwächung des Nationalgefühls. Ohne den Ersten Weltkrieg hätte es keinen Hitler, keinen 2. Weltkrieg, keine deutsche Teilung und keinen kalten Krieg gegeben.

Hitler, der weder durch einen Putsch an die Macht kam, noch sich dem deutschen Volk aufzwang, konnte mit seiner beispielslosen Demagogie gerade auf diese „Wehleidigkeit“ und „Minderwertigkeitsgefühle“ ansetzen und das Volk hinter sich bringen. Es wäre eine Verdrehung, wollte man behaupten, daß Hitler ein „Betriebsunfall“ der Geschichte gewesen sei. Die Hochhebung der Deutschen als die „auserwählte Rasse“ und die „Germanisierung der Welt“ sollten alle Demütigungen überkompensieren.  Ein solches „verordnetes Selbstbewußtsein“ mußte zwangsläufig aus der Sicht der NSDAP zur Erfindung von inneren Feinden führen, die ausgegrenzt, verfolgt und vernichtet werden  sollten. Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung von Juden und anderen Minderheiten hatten u. a. gerade den  Zweck, die „geschlossene Gesellschaft“ der „besseren Rasse“ zu verfestigen. Wenn die Kräfte für die Bildung einer echten historisch gewachsenen „nationalen Identität“ nicht reichen, wenn die „nationale Tradition (selbst) …. wenig Anhaltspunkte bietet“ (Jürgen Kocka),  dann bietet sich gerade  die „Ausgrenzung“ von inneren Feinden  ein geeignetes Mittel für ein „Zusammengehörigkeitsgefühl“, das es in deutscher Geschichte immer ein Problem darstellte.: „Der Nationalstaat war niemals die Regel in der deutschen Geschichte.“ (Reinhart Kosellek)

Die deutsche Geschichte wird also ständig  von „Brüchen“ in der Bildung einer nationalen Identität begleitet.

Das  „Zusammengehörigkeitsgefühl“ wurde ständig von oben verordnet und eingeimpft, ohne  daß das Volk selbst auf  positive nationale  Tradition in der eigenen Geschichte zurückgreifen konnte. Die Deutschen wurden dabei irregeleitet und betrogen; und die gefährlichen Versuche eines Nationalismus von oben führten in immer neue Katastrophen. Die Sorge um „Identitätsverlust“, „Überfremdung“ und „Überrolltwerden“ ist eine deutsche Besonderheit, die man nicht unterschätzen soll, wenn man Umfrageergebnisse über den Islam und Fremde in Deutschland realistisch bewerten will. Hinter diesen Gefühlen steckt mehr Sorge, als fremdenfeindliche Aggression.  Nicht nur die Ausländer, sondern jedes Gefühl der Unsicherheit und Verlust des Erreichten machen den Deutschen mehr Angst, als in anderen Ländern. Die rechtsradikalen Parteien haben bei den jüngsten Landtagswahlen in den neuen Bundesländern ihre Erfolge nicht, wie sonst,  dem Wahlthema „Ausländer“, sondern  Hartz IV zu verdanken, was von vielen Deutschen als „Weltuntergang“ angesehen wird.  Dabei steht das reiche Deutschland im Weltmaßstab an vorderster Reihe. Warum also so viel Existenz– und Zukunftsangst?

Es wäre gut, wenn die deutschen Politiker sich etwas mehr mit der Kultur der Angst und deren Bekämpfung befassen, anstatt von „deutscher Leitkultur“ zu sprechen. So kann den Menschen die Angst als störenden Faktor des Zusammenlebens zwischen Deutschen und Fremden genommen werden.

Integration ist keine Einbahnstraße, und man kann nicht nur von Ausländern „Anpassung“ verlangen. Auf beiden Seiten müssen Ängste beseitigt werden.

Die globale Angst der Muslime rührt aus der Kolonialzeit, der Degradierung und Niederlage gegen die moderne säkulare Welt. Seit der „Expedition Napoleons“ nach Ägypten im Jahre  1798 können sich die Muslime immer noch nicht mit der Niederlage gegen die christliche Welt abfinden (Udo Steinbach).

Die ungelöste „Palästinafrage“ ist ihnen seit 50 Jahren ein Dorn im Auge.  Das Ohnmachtgefühl, von Weltmächten ignoriert zu werden, schlägt bei „Islamisten“  in blinde Ablehnung der Weltordnung um, in der sie keinen Platz haben. Das Fehlen  von  starken Aufklärungskräften und  einer Reform, läßt den Muslimen keinen „modernen Identitätsbezug“ zu. Was da ist und auch gut „wirkt“, ist der Rückzug auf „Fundamentalismus“.

Der Westen  hat nach dem 11. September mit wenig Erfolg viel in die Bekämpfung dieses Fundamentalismus investiert, statt die islamischen Aufklärungskräfte zu unterstützen. Es besteht bei manchen islamischen Intellektuellen der Verdacht, daß der Westen keinen modernen Islam haben will, und daß der reaktionäre Islam nach dem Wegfall des „sozialistischen Feindes“ ein willkommenes Feindbild liefert. Bereits lange vor dem 11. September und kurz nach dem Zusammenbruch des Sozialismus wurde eine „Clash of Civilizations“ (Samuel P. Huntington, ehemalige amerikanischer Präsidentenberater) herbeigeredet.

Angst ist der schlechteste Ratgeber  für eine Integration  auf nationaler und internationaler Ebene. Sie ist von heute auf morgen nicht zu beseitigen. Was aber helfen kann, ist daß man diese Ängste und Sorgen ernst nimmt und zu einem friedlichen Zusammenleben kommt. Das bloße „Nebeneinander“ genügt auch nicht; es ist auch sogar gefährlich und führt zu Parallelgesellschaften. Aus dem „Nebeneinander“ soll „Miteinander“ und schließlich ein „Füreinander“ wird.

Hadi Resasade

über den Autor: www.resasade.de

 

vom Rhein,

von der großen Völkermühle,

von der Kelter Europas

Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor– seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht.

Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet –

Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flözer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsaß, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant – das hat alles am  Rhein, gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder erzeugt – und der Goethe, der kam aus dem selben Topf, und der Beethoven, und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald und – ach was, schau im Lexikon nach.

Er waren die Besten mein Lieber! Die Besten der Welt! Und warum? Weil sich diese Völker dort vermischt haben. Vermischt, wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen.

Vom Rhein- das heißt: vom Abendland.

Das ist natürlicher Adel. Das ist Rasse.

Seien Sie stolz darauf ….

Carl Zuckmayer, Des Teufels General

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