Die Islamische Revolution vor genau 42 Jahren im Februar 1979 brachte neue Terminologien in die westliche Sprachen, die man heute selbstverständlich benutzt. Heute versteht fast jeder, was „Ayatollah“, „Mullah“ Djihad“, „Mujahed“, und „Kalifat“ bedeuten, und es sind neue Ausdrücke entstanden, die man vorher kaum benutzte:  „Islamisierung“, „Re-Islamisierung“, „Islamismus“ „heiliger Krieg“, „Selbstmordattentäter“, „ISIS“ u.a. Und seit etwa vierzig Jahren sind auch so viel über den Islam, Koran (neue Übersetzungen) und Mohammad geschrieben, wie noch nie zuvor. Viele unqualifizierte Autoren entdeckten eine Marktlücke und brachten „Werke“ auf den Markt, die eher der Unterhaltung dienten, wie Betty Mahmoudis „nicht ohne meine Tochter“. Manche „Autoren“ hatten wohl 2 Urlaubsreisen in Tunesien und gaben sich als „Fachleute für die Fragen des Islam und Orients“ aus. Darunter waren aber auch Journalisten und Autoren, die mit großer Sorgfalt ohne Sensationslust und ohne Selbstdarstellung sich aus erster Hand und eigener Erfahrung und Anschauung mit dem Orient beschäftigten und dabei auch als Reporter unter Einsatz ihres Lebens und ohne Vorurtele in Interviews und Berichterstattungen in Medien oder als Autor uns mit neuen Erkenntnissen vertraut machten. Das neue Buch von Ulrich Tilgner (Krieg im Orient, Das Scheitern des Westens)  ist ein Beispiel für eine solche Arbeit. Dieses Buch ist ein keines Kompendium, eine gute Einführung in die Problematik des Orients und eine analytische Auseinandersetzungen mit den Entwicklungen im Iran, Libyen, Syrien, Jemen, Irak, Afghanistan und des „Arabischen Frühlings“. Tilgner kennt diese Länder durch lange Aufenthalte in diesen Regionen und persönliches Interesse, Empathie und Verständnis für die Menschen dort. Er ist sehr nah an Menschen und deren Schicksalen. Er begnügt sich nicht mit dem jetzigen Zustand dieser Länder, sondern befasst sich mit den historischen Ereignissen, die zur der heutigen Situation geführt haben. So fängt er bei der Beurteilung der heutigen Situation im Iran mit der Geschichte des Landes in der Mitte des 19. Jahrhunderts, der gescheiterten Moderierung nach westlichem Muster und der Rolle der Geistlichkeit in dieser Entwicklung bis heute. In der Tat gehen die Wurzeln des heutigen Chaos bis in die Niederlage des Osmanischen Reiches nach dem 1. Weltkrieg und die Teilung des Orients zurück. Eine Teilung, die nicht mehr zeitgemäß ist. Der Fall der kommunistischen Herrschaft in Europa beendete eine Teilung, die das Ergebnis des 2. Weltkrieges war und nicht mehr mit dem „Zeitgeist“ übereinstimmte. Aber der Orient lebt noch mit den schmerzhaften Folgen des 1. Weltkrieges weiter. Es kam damals zu einer Teilung, die am Schreibtisch mit Bleistift und Linear von westlichen Mächten festgelegt wurde, durch einen Verrat, der bis heute noch Folgen hat. Ich denke vor allem an das geheime Abkommen zwischen England und Frankreich (Das Sykes-Picot-Abkommen vom 16. Mai 1916) über die Teilung des Orients nach der Niederlage des Osmanischen Reiches während des 1. Weltkrieges. Dagegen  versprach man den Arabern nach Außen die Bildung eines gesamtarabischen Staates. Die Aufhebung der Teilung Europas wurde schon mit dem KSZE (Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) und der Schlussakte von Helsinki am 1. August 1975 eingeleitet. Was wir brauchen ist eine Konferenz über die Sicherheit und Zusammenarbeit im Orient, als KSZO! Ist der heutige „Terrorismus“ eine Antwort auf das Scheitern der islamischen Welt von 100 Jahren und der erzwungenen Teilung, und ein  „verspäteter“ von den Vätern versäumter antikolonialer Widerstand? Ist es vergleichbar mit der    Revolte der Jugend  der 60er Jahre in Deutschland als Antwort auf die  Tatenlosigkeit der Eltern im 3. Reich?   Die Überwindung der Teilung in Europa erfolgte weitgehend friedlich, weil kein Staat an einer blutigen Auseinandersetzungen interessiert war und von der großen Untersetzung durch Präsident Bush und  Amerika und Gorbatschow begleitet war . Dieses Interesse ist im heutigen Orients nicht vorhanden und wird durch die ständige Einmischung durch den Westen vernichtet  Der Untertitel „Das Scheitern des Westens“ erinnert daran, dass der Westen bei diesen Einmischungen gescheitert ist, aber gescheitert sind auch die Opfer selbst. Darüber diskutiere ich neulich mit Ulrich Tilgner, den ich seit über 30 Jahren kenne. Was ich hier wiedergebe sind meine eigenen Erinnerungen an einen Journalisten, von dem ich viel gelernt habe. Vor etwa 32 Jahren wurde ich als „Übersetzer“ von ihm „entdeckt“! Er arbeitet damals neben seiner eigenen Tätigkeit als selbständige Journalist auch bei der Deutschen Presseagentur (dpa) und berichtete von Hamburg aus über den Iran, wenn er nicht selbst in der Region war. In einer Zeit, als es kein Fax, Internet, WhatsApp u.as. gab, waren wir auf den iranischen Rundfunk angewiesen, den wir täglich 3-mal abhörten. Unter dem 19 m und 31 m Kurzwellenband wurden die Hauptnachrichten des Iranischen Rundfunks begleitet von Geräuschen und Unterbrechungen aufgenommen und anschließend von mir übersetzt. Etwa um 15:00 Uhr wurden die Nachrichten per Telefon an die dpa geschickt. Freitags war ein besonderer Tag wegen des Freitagsgebets in Teheran, wo die Linie der Politik vom Freitagsprediger festgelegt wurde. Für mich war es eine große Erfahrung, wie man das Westliche aus einer Ansprache von 30 Minuten herauspickt, und das „Unwichtige“ liegenlässt. Es war der Höhepunkt des Golfkrieges gegen Irak und die täglichen Berichte über Offensiven und Gegenoffensiven, Verluste und menschlicher Tragödien auf beiden Seiten. Man kann solche Nachrichten erst dann richtig einordnen, wenn man die Region, die Grenzlinien und die Kriegstechnik kennt. Tilgner hatte aus eignen Reisen gute Erkenntnisse über die umkämpften Gebiete und konnte die Ereignisse gut einordnen. Er kennt sich auch mit der orientalischen blumigen Sprache aus, und erklärte mir, was der Freitagsprediger (häufig war es der Parlamentspräsident Ali Akbar Hashemi Rafsanjani) zwischen den Zeilen, indirekt „Wichtiges“  gemeint hat. Ich lernte auch, wie sehr Nachrichten eine „Ware“ sind und dem Gesetz der „Angebot und Nachfrage“ folgen, und dass sie in Wirklichkeit in jeder Kultur ein eigenes Gewicht bekommen. Hier gelten sie als Hauptnachrichten und dort in einem anderen Land landen sie in den Papierkorb der Nachrichtenagentur. Ich bekam von ihm einen guten Aufsatz über die „Nachrichtentechnik“ für Anfänger. Darin hieß es. „Wenn ein Man einen Hund beißt ist eine Nachricht, aber keine Nachricht ist, wenn der Hund zubeißt!“ Einmal hatte ich aus dem iranischen Rundfunk gehört, dass ein indischer Reporter bei einem Frontbesuch ums Leben gekommen ist. Ich wollte diese Nachricht übermitteln, und er sagte resigniert, dass die Nachricht keinen Abnehmer findet. Wichtiger wäre, wenn ein europäischer Journalist ums Leben kommt. Dann machte ich mich auch mit den wichtigsten Grundsätzen der Nachrichten-Übermittlung vertraut: Die scharfe Trennung zwischen „Fakten“ und „Meinung“. Aber in Wirklichkeit gehen ja diese ineinander über. Eine Nachricht ist auch meistens mit einer Meinung behaftet. Wenn es heißt: „Der nordkoreanische Diktator, er kläre heute …“ dann hat man nicht nur Fakten, sondern auch eine Meinung über diese Person verbreitet. Auch die Reihenfolge einer Nachricht ist Ausdruck einer Meinung, über die deren „Wichtigkeit“ Die „Sprache“ diktiert schon die Tendenz: So werden israelische Angriffe auf Gaza neutral als „militärische Operationen“ und nicht als „Angriff“ oder „Aggression“ bezeichnet, und im Gegenzug heißt es: Die palästinischen Terroristen haben Raketen gegen Israel abgefeuert. Die gezielte Tötung von Ghasem Soleimani war in der Sprache der Teheraner Machthaber „Mord“ und in der Sprache von Trump „die Ausschaltung eines Terroristen“ In den 70er Jahren hatten wir ein schreckliches „ZDF- Magazin“, in dem Gerhard Löwenthal regelmäßig von den afghanischen Mujahedin als Widerstandskämpfer sprach und um Spenden aufrief, aber im Falle von Iran wurden die Ayatollahs als „mittelalterliche Fundamentalisten“ bezeichnet. Bei uns im Studentenheim hatten wir einen  Aufkleber mit seinem Bild als „Bedienunganweisung“ am Fernseher. Drauf stand: Bitte sofort ausschalten, wenn dieser Mann auf dem Bildschirm erscheint.“ Manche Nachrichten beinhalten den Zusatz: „nach Meinung der politischen Beobachter ….“ Auch hier geht eine Meinung in die Nachricht über.  Einmal    ergänzte Tilgner eine Nachricht mit dem gleichen Satz: Ich fragte ihn, wer dieser Beobachter seien und er antwortete lapidar: „Ich selbst!“ Nachrichten sind Waren und müssen gekauft werden. Heute würde er nie den Absatzmarkt im Auge haben! Ich machte 18 Monate eine harte Ausbildung im Journalismus bei einem strengen aber immerhin humorvollen Lehrer. An den ersten Tagen lernte ich, was eine Nachricht beinhaltet: Die berühmten 7 Ws: Wer hat wo, wann, was, wie und warum gesagt oder getan. Eine Nachricht beginnt mit einem Headline, in dem das Wichtigste gesagt wird. Man kann die Nachricht von hinten nach vorne kürzen, aber nicht umgekehrt. Als Negativbeispiel dienst den Anfängern der Zeitungsbericht über das Attentat auf den Thronfolger Österreich-Ungarns Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin bei ihrem Besuch in Sarajevo  am 28. Juni 1914.  Erst nach einer langen Erzählung über den Tag und das Wetter kommt der Zeitungsreporter ganz zum Schluss mit der die Meldung, dass der Kronprinz und seine Gattin bei diesem Attentat um Lesben gekommen sind! Auch das absolute Festhalten an Fakten sind entscheidend. Wenn im iranischen Rundfunk heißt es: „Morgen werden zehntausende von Menschen für das Regime demonstrieren“, so ist es eine Prophezeiung und keine Nachricht. Vor einigen Wochen sah ich Uli nach langer zeit wieder. Wir sind beide 70+ und ergraut. Wir saßen an meinem Teich, und ich sah einen weisen und bescheidenen Mann vor mir, der mit noch größerer Vorsicht die heutigen Ereignisse verfolgt und bewertet. Wir sprachen lange über sein aktuelles Vorhaben, nämlich Menschrechte. Er hofft auf die Universität der Menschenrechte und die internationale Einhaltung dieser Prinzipien, was bei marktorientierten Autoren und Journalisten inzwischen eine Seltenheit ist. Ich sprach auf der anderen Seite von Hindernissen. Das Hauptproblem aus meiner Sicht ist, dass diese Rechte geschichtlich entstanden sind als Schutzmechanismen für die Bürger gegen den Staat. Das Problem ist aber, dass der Staat, vor dem man sich schützen soll, selbst über die Einhaltung oder Verwerfung, Deutung und Interpretation zuständig ist. Man hat den Bock zum Gärtner gemacht. Es klingt brutal, aber es ist eine Wirklichkeit, dass der Staat für seinen Bestand wie jedes andere Organ die Staatsräson an erster Stelle sieht, und den eigenen  Bestand höher einstuft als die Menschenrechte. Solange dies der Fall ist, wird Folter als „intensives Verhör“ für höhere staatliche Ziel legitimiert. Allein der Staat entscheiden, ob „Waterboarding“ eine Folter ist, oder ein geeignetes Mittel, um etwas schlimmeres auch im „Interesse der Gesellschaft!“ zu legitimeren. Auch ein großer Kanzler und Denker wie Helmut Schmidt war damit einverstanden, die RAF- Mitglieder im Gefängnis (auch ihre Gespräche mit ihren Anwälten) abzuhören zu lassen und nahm die „Isolationshaft“ für eine gewisse Zeit in Kauf. Dagegen ist niemand auf die Straße gegangen, weil den Menschen ihre eigene  Sicherheit wichtiger ist als Menschenrechtsprinzipien. Was wir brauchen, ist die Abkopplung der Menschenrechte der Staatsräson. Ein Organ  außerhalb der staatlichen Macht soll die Menschenrechte überwachen, und so ein Organ wie das deutsche Verfassungsgericht gibt es in meisten Staaten nicht. Man könnte sich z.B. ein internationales Organ mit großen Befugnissen (Sanktionen, Druckmittel u.a.) vorstellen, das mehr kann als der  machtlose „Menschenrechtsausschuss“ der UNO und man braucht einen neutralen internationalen Ankläger. Diese Diskussion möchte ich zusammen mit Ulrich Tilgner vertiefen. Dass ein Journalist diese Kategorien in seine Betrachtungen einbezieht, ist leider zu Ausnahmen geworden. Die Menschen interessieren sich immer noch für Sensationsberichte aus dem Orient und lesen lieber unproblematische Nachrichten von Autoren, die in Wirklichkeit von ihrem Urlaub im Orient berichten, anstatt in Tiefe zu gehen.   Folterverbot und Einhaltung der Menschenrechte können erst dann realisiert werden, wenn diese nicht mehr eine intellektuelle Beschäftigung einer Elite sind, sondern zu einer gesamtgesellschaftlichen Überzeugung werden. Bis dahin haben wir einen langen Weg, und die Gedanken von Ulrich Tilgner und anderen mutigen Autoren machen diesen Weg etwas kürzer. Hadi Resasade    
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