Religiöser Dialog und interkulturelle Dialogkultur

Die Notwendigkeit des Dialogs zwischen Christen und Muslimen Muslimen mit dem Ziel eines  friedlichen Miteinanders und der Integration liegt auf der Hand. Bevor wir jedoch inhaltlich in einen Dialog eintreten, benötigen wir eine gemeinsame Basis, also eine gemeinsame Dialogkultur. Die Eckpfeiler der „Geschäftsordnung des interreligiösen Gesprächs“ sind:

1) Jede Seite sollte zunächst von der „Unvollkommenheit der eigenen Religion“ ausgehen. Keine Religion ist besser, oder schlechter, als die andere. Diese außergewöhnlich prägnante Formulierung stammt von Hans-Jochen Margull, der Mitte der 70er Jahre  als Professor für Religionswissenschaft und Missiologie an der Universität Hamburg lehrte. Ich hatte die glückliche Gelegenheit als Student bei seinen islamisch-christlichen Dialogen dabei zu sein.  Die „Legitimität“ und „Wahrheit“ jeder Religion leitet sich nicht von ihrer Vollkommenheit, sondern allein und einzig davon ab, ob der jeweilige Gläubige darin „Lebenssinn“, „Frieden“, „Menschlichkeit“ und „innere Gelassenheit“ findet. Diese sind der ursprüngliche wahre Kern jeder Religion, bevor sie als politische Waffe instrumentalisiert wurde.

2) Dialogpartner sollten auf „Heilexklusivität“ verzichten. Man kann durch jede sinnstiftende sakrale oder säkulare Weltanschauung glücklich werden. Erst wenn man auch nichtreligiöse Anschauungen akzeptiert, kann man frei mit einer anderen Religion sprechen. Duldsamkeit und Toleranz zeigen sich am ehesten im Umgang mit Menschen, die außerhalb jeder Religion stehen.

3) Die Dialogpartner sollen an der Richtigkeit ihrer Religion zweifeln können, ohne dabei die eigene Identität preiszugeben. Es liegt in der Natur des traditionellen religiösen Glaubens, dass die Angehörigen einer Religion offen oder latent einen Anspruch auf „Wahrheitsmonopol“ erheben.  Ein konstruktiver Dialog ist aber dann möglich, wenn man auch Zweifel an der Vollkommenheit des eigenen Glaubens zulässt.

4) Der Dialog soll frei von politischer und ideologischer Befangenheit als „interkulturelle Kommunikation“ geführt werden. Zwei ehrliche Juristen haben in einem „Dialog“ im Voraus die Bereitschaft, die Meinung der anderen anzunehmen, ohne einen „Identitätsverlust“ in Kauf nehmen zu müssen. Die Akzeptanz der Meinung der anderen Seite hebt die gemeinsame Erkenntnis auf eine höhere Stufe der Wissenschaftlichkeit. Wenn ideologische und politische Ambitionen keine Rolle spielen, dann gehen beide Wissenschaftler gestärkt mit mehr Sachwissen aus dem Gespräch hervor. Anders ist es, wenn Vertreter von Religionen, Ideologien oder Politik in eine Diskussion treten. Hier ist die Zugehörigkeit zu einer Doktrin Teil der Identität eines Gesprächsteilnehmers und man will mit aller Kraft und Tricks als „Sieger“ hervorgehen.

4) Damit ein religiöser Dialog ebenfalls beide Seiten bereichert, muss die Religion zumindest während des Dialogs vorübergehend entideologierst und entpolitisiert werden. Dies ist zugegeben ein sehr schwieriger Schritt, denn Christen und Muslime diskutieren mit der Absicht, ihre eigene Identität zu bewahren und auch nicht ihren Wahrheitsanspruch preis zu geben. Diese liegt im Wesen der Religiosität, deren Kern der “Glaube an das Heilige“ ist. 

5) Religion ist nach dem Verständnis des erweiterten Kulturbegriffs, der 1982 von UNESCO angenommen wurde, Bestandteil der Kultur und Religiosität Teil der kulturellen Identität. Der religiöse Dialog ist also ein „interkultureller Kommunkationsprozess“ und kann von der Sozialforschung erfasst werden. Es wäre angebracht in diesem Sinne anstatt vom interreligiösen Dialog von interreligiöser Kommunikation zu sprechen.

6) Somit kann die interreligiöse Dialogkultur von der Soziologie viel profitieren. Jürgen Habermas hat die Voraussetzungen einer Diskursethik als „herrschaftsfreien Kommunikation“ formuliert. Eine der ersten Voraussetzung dafür ist der Verzicht der Gesprächsteilnehmer auf Beeinflussung der anderen Seite (perlokutive Sprachakte werden vermieden). Daneben müssen die Behauptungen begründbar und kritisierbar sein. Die Argumentation muss vier Grundlagen (Geltungsansprüche) erfüllen: Verständlichkeit, objektive (propositionale) Wahrheit, normative Richtigkeit und subjektive Wahrhaftigkeit. Unter diesen Bedingungen kann von einer herrschaftsfreien Kommunikation gesprochen werden. Nach Habermas ist so ein Diskurs optimal rational und führt zur intersubjektiven Wahrheitsfindung.

7) Der Dialogpartner soll die eigene Religion und auch die des Partners historisch-kritisch thematisieren.

Häufig werden religiöse Dikussionsthemen auf beiden Seiten losgelöst von ihrem historisch-gesellschaftlichen Rahmen diskutiert. Auf der christlichen Seite sitzen Personen aus der Kirche, Gesellschaft oder Medien, die man als „säkular, aufgeklärt und tolerant” bezeichnet. Sie verteidigen die offene Gesellschaft, den Pluralismus, die Säkularität, Frauenrechte u. ä.  Sie machen sich alle positiven Errungenschaften der „Industriegesellschaft“ zu eigen, obwohl diese ohne ihr eigenes Zutun durch weltliche Faktoren und Persönlichkeiten entwickelt und der Kirche aufgezwungen wurde. Dagegen werden muslimische Teilnehmer häufig direkt oder indirekt für alle Missstände in ihrer Gesellschaft verantwortlich gemacht, welche auf historisch gewachsene wirtschaftliche und politische Probleme verantwortlich gemacht.  Auf beiden Seiten braucht man etwas mehr „Karl Marx“, der  die das religiöse Elend als Ergebnis des sozialen Elends betrachtete.

8) Die Beschäftigung mit realen Missständen der islamischen Welt (Djihad, Sharia, Frauenrechte, Gewaltbereitschaft) überschattet zwangsweise die sachliche Kommunikation und führt von einer Dialogethik ab. Muslimische Partner fühlen sich gezwungen, im Gegenzug, Folter in Guantanomo, „Menschenrechtsverletzungen“, den „Afghanistan-Krieg“ und die israelische Aggressionspolitik der christlichen Welt zuzuschreiben.

10)  Die ahistorische Herangehensweise lässt vergessen, dass hier zwei Religionen mit total verschiedenen geschichtlichen Ausgangspositionen und Ansprüchen gegenüberstehen. Jesus war ein lieber Wanderprediger und Mohammad ein Staatsmann. Schließlich vergleicht man auch Gandhi nur mit Buddha und Napoleon mit dem Friedrich dem Großen.

11)  Die Christen genießen in einem Dialog meist die volle Gedankenfreiheit und können sich bei Bedarf von jeder Politik und Ideologie distanzieren. Viele der muslimischen Dialogpartner stehen aber unter einem massiven Druck der herrschenden Tradition und Kultur ihrer Herkunftsländer. Einerseits müssen sie auf religiöse und politische Autoritäten in ihren Heimatländern Rücksicht nehmen und andererseits stehen sie unter dem Druck  großer Teilen ihrer unaufgeklärten Gefolgschaft. Auf muslimischer Seite fehlt es aber an Mut und Freiheit, aus einer eigenen historisch-kritischen Sicht, nach dem Vorbild ihrer christlichen Kollegen die kritischen Konfliktfragen als historisch überholt zu deklarieren. Ein iranischer Geistlicher sagte mir in einer Dialogrunde mit christlichen Gelehrten: „Ich habe mich selbst zensiert, denn ich will ja auch wieder ins Ausland kommen können!“

12) Unfreiheit und Angst vor Identitätsverlust verleihen den islamischen Gelehrten häufig eine eigene Dialogsprache, die „indirekt“, „diffus“, „nebulös“ und „theologisch-diplomatisch“ ausfällt. Nach uralten scholastischen Methoden sucht man nach scheinlogisch verbalen Argumentationsakrobatik. Für sie ist das Problem gelöst, wenn die andere Seite schweigt und im Gespräch „besiegt“ worden ist. Diese diplomatische Theologie ist insbesondere unter regimetreuen iranischen Gelhrten weit verbreitet.

13) Ehrlichkeit, Selbstkritik, Demut, Verzicht auf Herrschaft, Wahrheitsmonopol und Beeinflussung können einem konstruktiven Dialog dienen.  

Dieser Beitrag ist die Kurzfassung eines längeren Artikels „der interreligiöser Dialog im Spannungsfeld zwischen Wahrheitsanspruch und Identitätsverlust.“ (s. www.resasade.de)

 

Der Beitrag wurde im Rahmen eines beantragten Forschungsprojekts als Konzept dem Bundesinnenministerium vorgelegt, wurde aber trotz mehrfacher Nachbesserungen abgelehnt.

 

 

 

 

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